Wissenschaftliches Arbeiten: 5 Schritte des Evidenzbasierten Arbeitens - Eine Einführung


Evidenzbasiertes Arbeiten:

Das evidenzbasierte Arbeiten stützt sich auf 3 Säulen:

- Die individuelle klinische Erfahrung

- Die Werte und Wünsche des Patienten

- Aktueller Stand der klinischen Forschung


Abb.1: Säulen des evidenzbasierten Arbeitens


5 Schritte des Evidenzbasierten Arbeitens

Das evidenzbasierte Arbeiten kann in 5 Schritte eingeteilt werden:

  1. Du begegnest einem klinischen Problem und möchtest gerne wissen, ob es wissenschaftliche Evidenz bezüglich nützlicher Maßnahmen für dieses Problem gibt oder du wendest eine Maßnahme an und fragst dich, ob diese überhaupt sinnvoll für deinen Patienten ist. Dann übersetzt du dieses Problem in eine Fragestellung.

  2. Suche nach geeigneten Studien in bestimmten Datenbanken wie zum Beispiel:

  3. Pubmed

  4. Pedro

  5. Cochranelibrary

  6. ... Weitere Plattformen sind zB: Google Scholar, PhysioMeetsScience, SpringerLink, ...! Vielleicht bietet deine Schule/ Uni auch die kostenlose Nutzung einiger Datenbanken an. :)

  7. Kritische Bewertung aller gefundenen Studien

  8. Wie ist die Qualität der Studien?

  9. Passen sie zu meinem Patienten oder dem klinischem Problem?

  10. Anwenden der neu gewonnenen Erkenntnisse in der Praxis

  11. Selbstkritische Evaluation und ggf. Veränderung der früheren Vorgehensweisen


Abb.2: Prozess des evidenzbasierten Arbeitens



Praktisches Beispiel:

1. Du hast einen Patienten mit Rückenschmerzen und frägst dich, ob es durch eine fehlende Ansteuerung des Transversus abdominis kommen könnte. Du hast dem Patienten spezifische Übungen für den Transversus abdominis gegeben aber die Rückenschmerzen gehen nicht weg. Du fragst dich ob die Rückenschmerzen eine andere Ursache haben könnten, gleichzeitig fragst du dich aber auch ob Übungen zur Ansteuerung des Transversus wirklich sinnvoll bei Rückenschmerzen sind. Du stellst also eine Fragestellung auf: Welche Rolle spielt die Ansteuerung des M. transversus abdominis bei Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen?

2. Du wählst eine Datenbank (sh. oben) und suchst nach geeigneten Studien und findest folgende Studie: An update of stabilisation exercises for low back pain: a systematic review with meta-analysis

3. Die Qualität der Studie ist nicht schlecht da es mehrere Studien miteinschließt dadurch haben wir eine höhere Teilnehmerzahl und somit eine höhere Übertragung auf die Gesamtbevölkerung. Die Studie ist auch nicht vom letzten Jahrhundert was ebenfalls ein wichtiges Kriterium ist.

In der Studie zeigt sich, dass es nicht darauf ankommt welche Übung der Patient macht, sondern, dass mehrere Übungen einen positiven Effekt haben auf die Rückenschmerzen. Es stellt sich also die Frage ob spezifische Übungen in der Praxis rausgesucht werden sollten oder ob man zusammen mit dem Patienten Übungen raussuchen sollte, die dem Patienten wichtig sind und ihm auch Spaß machen.

4. Du stellst fest, dass die Übungen zur Ansteuerung des TA nicht für deinen Patienten geeignet sind. Du weißt aus der Studienlage, dass grundsätzlich Übungen/Bewegung sich positiv auf Rückenschmerzen auswirken. Somit bist du flexibler bei der Übungsauswahl und besprichst mit deinem Patienten was sein Ziel ist und welche Übungen sie/er kennt welche ihr/ihm Spaß macht.

5. Du evaluierst deine Therapie und stellst eventuell fest, dass der Patient sehr viel Spaß hat bei den Übungen und die Rückenschmerzen weniger werden. Warum die Rückenschmerzen weniger geworden sind könnten folgende Ursachen haben:

a. Bewegung grundsätzlich führt zur Schmerzlinderung

b. Bewegungen, die Spaß machen führen zur Ausschüttung von Glückshormonen, die nochmal den Schmerz lindern

c. Da die Übungen Spaß machen ist die Compliance vom Patienten höher und somit auch der Effekt.

Du gehst in Zukunft flexibler mit der Übungsauswahl um und besprichst mit deinem Patienten was dessen Ziele sind und welche Übungen bereits bekannt sind, die auch Spaß machen und relevant für sie*ihn sind.


Probleme des evidenzbasierten Arbeitens

In der alltäglichen Praxis ist die Befolgung dieser 5 Schritte nur schwer praktikabel. Ich habe auch nicht immer Lust und Zeit mich zu jedem Problem stundenlang hinzusetzen und Studien zu suchen. Glücklicherweise gibt es heutzutage Möglichkeiten, die diesen Prozess etwas erleichtern.

Es gibt mittlerweile unzählige Plattformen wie physio-network* oder physiomeetsscience*, die dir die Arbeit von Schritt 2 und 3 abnehmen. Hierbei werden von wissenschaftlich ausgebildeten Mitarbeitern bereits Studien zu relevanten Themen gesucht und kritisch bewertet.

Deine Aufgabe ist somit nur noch dir eine Frage zu einem Thema zu überlegen und zu schauen ob bereits etwas zu dem Thema ausgearbeitet wurde und es somit mit in deine Praxis zu integrieren und evaluieren.


Abschließende Gedanken

Unser Beruf ist ständig im Wandel. Die Zahl der Studien im physiotherapeutischen Bereich steigt rasant an und somit verändert sich natürlich auch unsere Sichtweise auf manche Dinge. Aber dies ist kein Grund zur Besorgnis. Die Medizin hat sich schon immer verändert und dadurch ist auch die Lebensqualität der Menschen gestiegen. Alle 5 Jahre sind 50% des Wissens aus der Medizin bereits widerlegt oder zumindest überholt. Es ist wichtig herauszufinden um welche 50% es sich handelt. Deshalb ist es so wichtig, offen für neues zu sein und nicht davor zurückzuschrecken. Es ist wichtig seine Glaubenssätze stetig zu hinterfragen zum Wohle des Patienten: Hilft das was ich gerade tue? Wenn ja, was genau bewirkt es?

Wissenschaft ist nicht alles, das will auch keiner bestreiten. Sie liefern uns dennoch wichtige neue Erkenntnisse über Wirkung und Effizienz unserer Therapie.

Jeder Gesundheitsberuf ist der Medizinethik unterworfen und somit sind wir dazu verpflichtet dem Patienten die bestmögliche Therapie zu bieten.


Damit ist auch nicht gemeint, dass nur Therapiemaßnahmen angewendet werden sollen, die von der Wissenschaft bestätigt worden sind, denn dann würde momentan nicht so viel übrig bleiben, aber Offenheit und Neugier sind wichtig, um qualitativ hochwertige Arbeit zu liefern.


Ich möchte gerne jeden dazu animieren anhand bisheriger Erfahrungen kombiniert mit den Ansätzen der Wissenschaft eine Therapie auszuarbeiten, die auf die persönlichen Zielen des Patienten abgestimmt sind. Denn dies ist die wahre Bedeutung von evidenzbasiertem Arbeiten!


Viel Spaß dabei!



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