Haltung – Sitz aufrecht – Zeit, das zu hinterfragen!

Gastbeitrag von: Benedikt


Haltung ist ein häufiges Diskussionsthema für Patienten, Ärzte, Medien und die Gesellschaft. Ein verbreiteter Glaube ist, dass Wirbelsäulenbeschwerden durch „falsches Sitzen, Stehen oder Bücken“ verursacht werden. Trotz des Fehlens von Evidenz für diese gängigen Überzeugungen hat sich eine dominante „Haltungsindustrie“ entwickelt, die behaupten, mit Interventionen und Produkten, die Haltung zu „korrigieren“ und Schmerzen zu verhindern. Leider sind viele Ärzte und Therapeuten Steigbügelhalter dieser nicht evidenzbasierten Perspektive.

Für uns ist Haltung eine äußere Präsentation, die immer etwas Dynamisches und niemals etwas Statisches ist.

Deswegen ist unserer Meinung nach Haltung ein in sich wechselnder nicht rigider Prozess, der sich situativ an das Leben anpassen sollte.

Was ist überhaupt eine falsche Haltung?

Trotz der weltläufigen Haltungsüberzeugungen gibt es keine starke Evidenz dafür, dass eine optimale Haltung existiert und dass die Vermeidung einer falschen Haltung Rückenschmerzen verhindern könnte. Es gibt nicht die EINE GUTE Haltung.

Die Wirbelsäule weist natürlicherweise Schwingungen und Abweichungen der „natürlichen“ S-Form auf. Keine Haltung kann dabei klar mit mehr Schmerzen in Zusammenhang gebracht werden.

Abbildung 1 https://www.facebook.com/403741893719657/photos/pb.403741893719657.-2207520000../404068990353614/?type=3&theater

Haltung drückt Überzeugungen und Stimmungen aus

Haltung ist mehr als die Position des Körpers im Raum. Die Haltung liefert häufig Einblicke in die Gefühlswelt, die Gedanken und das Körperbild eines Menschen. Einige Haltungen werden als Schutzstrategien eingenommen und drücken Überzeugungen bzgl. der Verletzlichkeit des Körpers aus.

Die Hintergründe einer Haltung zu verstehen kann nützlich sein. Im Alltag nehmen wir gerne Haltungen ein, die für uns bequem sind. Eine bequeme Haltung sieht für jeden Menschen anders aus. Für uns unbequeme Haltungen vermeiden wir, genauso wie Haltungen, von denen uns immer wieder gesagt wurde, dass sie „schlecht“ oder „schädlich“ sind, wie z.B. krumm sitzen oder mit krummen Rücken heben.


Sitzen ist nicht gefährlich

Doch genau darin liegt das Problem. Weniger Haltungen einzunehmen heißt, sich weniger zu bewegen und so die Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit der robusten Wirbelsäule immer weniger zu nutzen. Weniger Bewegung ist mit Schmerz assoziiert. Es ist also nicht eine Position für den Schmerz verantwortlich, sondern vielmehr das zu lange Verweilen in einer dieser Haltungen und den damit einhergehenden Bewegungsmangel.

Die häufigen Warnungen, die Wirbelsäule zu schützen, sind nicht evidenzbasiert und können zu Ängsten führen. Wenn wir uns auf Dauer zu lange in einer Haltung befinden, fällt es uns immer schwerer eine andere Haltung einzunehmen. Hier kann es hilfreich sein, genau die gegensätzlichen Bewegungen wieder zu erlernen.

Die beste Haltung ist immer die nächste Haltung!

Verschiedenste Haltungen ausprobieren, gerade auch die, die man häufig vermeidet und die gewohnte Haltung zu variieren, kann Symptome verbessern (auch beim Heben von Gegenständen!). Es ist außerdem hilfreich eingenommene Haltungen und Positionen regelmäßig zu ändern und eine gewisse körperliche Grundaktivität aufrecht zu erhalten.


Skoliosen

Der menschliche Körper ist extrem individuell. Auch unter den schwierigsten Bedingungen ist er in der Lage Bestleistungen zu vollbringen. Im Sport sehen wir immer wieder Athleten/innen mit besonderen anatomischen Voraussetzungen. Jeder hat den Begriff schon einmal gehört, aber was ist eine Skoliose? Und ist jede Abweichung von der Norm direkt eine Erkrankung?

Die Skoliose beschreibt allgemein eine dreidimensionale Veränderung der Wirbelsäule/ Brustkorb/ Rumpf. Nur 10-20% der Skoliosen sind angeboren – strukturelle Skoliosen.

Der weitaus größere Teil der Klienten, nämlich 80-90% ist von einer funktionellen Skoliose betroffen.

Wir sind nicht symmetrisch. Das sehen wir nicht nur an der Wirbelsäule. Für eine sichere Diagnose brauchen wir ein Röntgenbild. Nur aufgrund einer asymmetrischen Körperhaltung zu diagnostizieren ist ein großer Fehler. Haltung sagt nämlich nichts über Schmerzen aus und Skoliosen müssen an sich gar keine Probleme bereiten. Gerade im Leistungssport sehen wir eine sehr spezifische Anpassung des Körpers an die Sportart. Das ist essenziell, um ein hohes Leistungsniveau zu erreichen. Funktionelle Skoliosen sind also häufig nur die Adaptation des Körpers an die Funktion. Und das können wir wieder ausgleichen.

Ist vielleicht Usain Bolt genau deswegen der schnellste Mensch der Welt?

Es gibt viele Sportler, die eine starke Asymmetrie aufweisen, trotzdem Spitzenleistung sogar Bestleistungen abrufen. Wir Menschen sind nicht auf Symmetrie aus, sondern dynamische Lebewesen und dein Körper ist anpassungsfähig!



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