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Forced Use und CI (Constraint-induced) Therapy bei Schlaganfall Patienten

Aktualisiert: 16. Sept 2020

Forced Use/ CI Therapie sind ein Konzept, dass wir hier gern vorstellen wollen, um zu zeigen dass es neben den Maßnahmen aus der Grundausbildung auch noch andere Konzepte gibt um die Neuroplastizität und den Wiedergewinn von Funktionen zu fördern.


Am interessantesten sind diese und ähnliche Konzepte, wenn man ein grundlegendes Verständnis von der Neuroanatomie, Physiologie und Endokrinologie hat. Das ist natürlich viel zu viel verlangt und unrealistisch, aber wer von euch vielleicht Probleme hat beim Lernen der Neuroanatomie usw hat, dem hilft es vielleicht sich mit solchen Themen und Büchern auseinander zu setzen um das Wissen besser verknüpfen zu können.


Das Buch aus dem wir die Inhalte hier heute nehmen ist „The Brain that Changes Itself“ (auf Deutsch: Neustart im Kopf) von Norman Doidge.

Im Buch werden auch andere neuro- und psychologische Behandlungskonzepte vorgestellt, für Lernschwächen, Schwindel, Parkinson,… es lohnt sich also in diese Richtung zu lesen um einfach auf dem neuesten Stand zu bleiben. Unsere Stundenpläne können ja nicht jedes Jahr angepasst werden.


Begründer der Forschung der Neuroplastizität ist u.a. der Forscher Merzenich. Er hat entdeckt/ beschrieben, dass die „Karte“ des Gehirns nicht festgelegt sondern veränderbar/ plastisch ist. Aufgrund seiner Forschungsergebnisse erlangte die Forschung zB das „Cochleaimplantat“. Im Gegensatz zu einem Hörgerät werden Geräusche nicht verstärkt, sondern vom Implantat in elektrische Impulse umgewandelt (das macht sonst die Cochlea, grob vereinfacht - mehr dazu sh. Physiologie des Ohrs) und so direkt ans Gehirn weitergeleitet. Je nachdem wie häufig ein Körperteil genutzt wird und auf welche Art kommt es halt zu einer Ausbildung und Verstärkung einer topografischen „Brain Map“. Merzenich und andere Forscher haben sich dahingehend dann auch ausführlich mit der Gehirnentwicklung im Kindesalter und der Störung derer beschäftigt, egal ob es das Sprachverständnis und die davon abhängige Entwicklung der Sprachmotorik angeht oder Störungen des Lernens im Schulalltag.


Ein weiterer Arzt/ Forscher der für unser Thema relevant ist, ist Edward Taub. Seine Tierexperimente führten zu nationalen Skandalen was den Tierschutz angeht, aber das würde den Rahmen hier sprengen. Nur so viel: während Taub’s Forschung gab es einige, teils auch grausame, Studien an Affen wo periphere Nerven verlegt, gekappt oder stimuliert wurden und selbst an Rückenmark und Gehirn rumexperimentiert wurde. Sicherlich ethisch/ moralisch verwerflich, aber hier unglaublich wichtig für die Neurowissenschaften. Taub wurde 1931 in Brooklyn geboren und studierte zunächst das Verhalten (aus psychologischer Sicht). Er entdeckte unter anderem auch dass die Motorik gestört ist, wenn der sensorische Nerv durchtrennt wird. Taub war einer der ersten die Behaviorism, Neurophysiologie und Anatomie kombiniert hat. Bei einem seiner vielen Experimente entdeckte er jedoch, dass die motorische Funktion wiedererlangt wurde, wenn der unbeeinträchtigte Arm des Affens in eine Schlinge „gebunden“ wurde. Wieso das jetzt also nicht am Patienten ausprobieren? Wenn ein Arm keine Afferenzen mehr hatte, konnte dieser Arm nicht mehr genutzt werden. Wenn beide Arme keine Afferenzen hatten, konnten beide bewegt werden.

Einige Begriffe, die Taub mit geprägt hat sind zB: Spinaler Schock, kortikaler Schock und Erlernter Nichtgebrauch.

Spinaler Schock beschreibt ein Phänomen, dass zwei bis sechs Monate andauern kann. Hierbei wird wiederholt versucht die betroffene Extremität zu bewegen und aufgrund mangelnder Erfolgserlebnisse dann aufgegeben. Dadurch atrophiert dann die motorische „Brain Map“ für den betroffenen Arm und zukünftiges Bewegen wird zusätzlich erschwert.

Kortikaler Schock ist das Äquivalent dazu, vom Gehirn. Beides führt dann bzw. begünstigt dann „Erlernten Nichtgebrauch“.

Erlernter Nichtgebrauch bezeichnet dass Nicht Mehr Benutzen Einer Extremität. Dh. wenn ein Schlaganfallpatient merkt, dass er sich nicht mehr oder nur erschwert mit dem rechten Arm anziehen kann, wird er im Alltag nur noch den linken benutzen. Das exazerbiert dann natürlich die Symptomatik. Wenn ihr jetzt 3-6 Monate euren rechten Arm für nichts mehr benutzt, wird vermutlich auch beim gesunden Patienten das dazugehörige Gehirnareal atrophieren und die Leistung drastisch abnehmen.

Taub kam also zu dem Schluss, dass man neben der Gehirnschädigung auch den Erlernten Nichtgebrauch behandeln muss.


In der Schlaganfall Therapie an der Taub Therapy Clinic üben die Patienten Aktivitäten und Bewegungen aus dem Alltag mit der betroffenen Seite. Also ein kompletter Gegensatz zu allen Therapiemaßnahmen die Kompensation aktiv schulen um Selbstständigkeit zu ermöglichen. Wir wollen hier nicht werten und uns nur für eins entscheiden, aber nach den ersten akuten Tagen/ Wochen, wo wir Kompensation brauchen um zB selbstständig auf die Toilette zu gehen, muss auch wieder aktiv an der betroffenen Extremität gearbeitet werden. Dasselbe Konzept hat auch positiven Einfluss auf Erkrankungen wie MS, Parkinson, Cerebral Palsy??, Verletzungen des Rückenmarks und sogar Arthritis.

Die Patienten in der Taub Klinik tragen ca. zu 90% der Zeit Handschuhe und Schlingen auf der unbetroffenen Seite. Entwickelt wurden die Übungen zusammen mit dem Physiotherapeut Jean Crago. Die Patienten „spielen“ wie Kinder, mit Brettspielen, Bällen, Münzen usw, dürfen aber die ganze Zeit nur die betroffene Hand benutzen.

Herkömmliche Rehabilitation dauert meist eine Stunde, ca. 3x die Woche (zumindest bezieht sich der Autor auf diese Werte, vielleicht ist das in euren Einrichtungen anders), wohingegen die Patienten in der Taub Klinik sechs Stunden am Tag für 10-14 Tage am Stück beübt werden. Sie bekommen 10-12 Aufgaben am Tag die mehrmals wiederholt werden.

Es werden hier nicht nur „gute“ Patienten behandelt, sondern auch welche nach schwerem Schlaganfall mit komplett gelähmten Händen/ Armen und seit ein paar Jahren auch Beinen. Selbst Patienten die im im Durchschnitt erst nach über vier Jahren in die Taub Klinik eingeliefert wurden, konnten stark von diesem Therapieansatz profitieren.

In einigen Studien konnte gezeigt werden dass es neuroplastische Veränderungen in beiden Hirnhemisphären gab und die Bereiche die spezifisch „trainiert“ wurden, hatten sich teilweise sogar verdoppelt.

Das nekrotische Hirngewebe ist natürlich nicht geheilt, aber andere Neurone, die eigentlich andere Funktionen hatten, haben die Aufgaben „mit übernommen“. Die Funktion wird also schon wiederkehren, aber vermutlich nicht mehr im selben Ausmaß wie vorher. Um sich über einige Fallbeispiele zu informieren, können wir das Buch nur wärmstens empfehlen!


→ Mit diesen Infos und Inspirationen lassen wir euch jetzt allein! Es gibt CI Weiterbildungen, auch in Deutschland, aber man kann sich natürlich online und mit Büchern weiter über das Thema informieren. Einzelne Aspekte und Ideen aus der Therapie kann man ja auch am Patienten einfach mal ausprobieren und zumindest den Patienten über den Erlernten Nichtgebrauch aufklären um dieses „Schema der Schonung“ zu vermeiden.


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